Nachtcafé vom 01.01.1999   Liste aller Gäste       

Felix Auer
alt-Nationalrat 

Felix Auer Brillanter Erzähler, launiger Unterhalter Von Anekdoten als Nationalrat, seinen Recherchen als Buchautor und seinen Erfahrungen als Journalist wusste Felix Auer zu berichten. Er entpuppte sich dabei als brillanter Erzähler und launiger Unterhalter.

wi. Gesprächsleiter Robert Bösiger hatte leichtes Spiel mit seinem Talkgast Felix Auer. Auer schüttelte eine Reminiszenz oder Anekdote nach der anderen aus dem Ärmel. Der alt Nationalrat erzählte die Geschichte von seinem Barbesuch in San Francisco in Militäruniform so als wäre sie gestern passiert; dabei sind 45 Jahre verstrichen.
Die Band hatte - fest davon überzeugt, Auer sei ein französischer Militär - die Marseillaise gespielt. Auer spielte das Spiel mit, stand auf und machte ein patriotisches Gesicht. Nachdem er sich bedankt hatte, habe er aber dann doch erklärt, dass er nicht Franzose sei, sondern Schweizer. Das Bemühen der Combo, die Peinlichkeit aus dem Weg zu räumen und doch noch die Schweizer Nationalhymne zu spielen, endete in der Wiedergabe des Liedes «Oh mein Papa». Die launige Geschichte fand ihren Niederschlag in mehreren Presseerzeugnissen.Blindgänger im Bundeshaus Wie auch jene Episode - jemand hatte sie dem «Blick» gesteckt - als Auer einen beim Wandern gefundenen Blindgänger ins Bundeshaus mitbrachte. «Das grösste Problem war, dass man nicht wusste, welcher Kanton zuständig war», erinnerte sich Auer. «Eine Eselei». Der vielbeschäftigte Pensionär liess im «Volksstimme»-Nachtcafé auch seine Zeit als Journalist und rasender Reporter («Ich hatte ein Motorrad») Revue passieren.Dass er zuweilen auch seriöse Artikel veröffentlichte, habe ihm wenig Geld eingebracht. Auf einen Stundenlohn von 80 Rappen sei er einmal gekommen, wusste der 74jährige zu berichten. Schon besser bezahlt worden sei die Berichterstattung von Bränden. Da habe er in einer Nacht locker 400 bis 500 Franken verdienen können. 1963 habe er auch einmal einen Artikel für die renommierte Hamburger Wochenzeitung «Die Zeit» geschrieben.Hart ins Gericht ging Auer einmal mehr mit SP-Nationalrat Jean Ziegler. Der Genfer Professor habe wider besseres Wissen die Schweiz schlechtgemacht und überdies noch Geschichten erfunden. Auer: «Das ertrage ich nicht. Ich lasse etwas, das ich gerne habe, nicht durch den Kakao ziehen.» Sein Büchlein «Das Schlachtfeld von Thun», das auf Zieglers Buch «Die Schweiz, das Gold und die Toten» antwortet, habe er geschrieben, «weil ich gefunden habe, ich sei das der Schweiz schuldig».
Den anwesenden Ruheständlern gab er jedoch den Tipp, dass sie, sollten sie ein Buch schreiben wollen, lieber über Nüsslisalat oder die Entwicklung der Blockflöte in Obervolta berichten sollten als über ein derart heisses Eisen wie die Vergangenheit der Schweiz. Er müsse noch etwa 150 Briefe beantworten und erhalte täglich drei bis fünf neue Zuschriften.

Erinnerung an Karl Flubacher
Schliesslich erinnerte er sich auch an seinen Parteifreund und Nationalratskollegen, den verstorbenen Läufelfinger Karl Flubacher. Fluhbacher soll einmal über Auer gesagt haben, dieser sei zwar ein Akademiker, aber noch relativ intelligent («sein schönstes Kompliment für mich»). Zum besten gab Auer auch jene Geschichte, als er beim Kartenspiel mit Fluhbacher just in jenem Moment ans Radio-Raurach-Sessionstelefon musste, als der stämmige Läufelfinger einen Kontermatch verloren habe. Am Schluss seines Radioberichts habe er das noch kurz angemerkt, so Auer. Fluhbacher habe ihn dann am Montag darauf gefragt, was er bloss wieder am Radio erzählt habe, überall, wo er - Fluhbacher - hinkomme, heisse es, jassen könne er also auch nicht. In einer Parlamentsdebatte habe er Fluhbacher einmal mit Franz Josef Strauss verglichen und von seinem Freund Franz Josef Fluhbacher geredet. Diese Bemerkung habe in der internationalen Presse Erwähnung gefunden. Und auch von seinem Mitstreiter gegen die Wiedervereinigung im Jahr 1969, dem ebenfalls verstorbenen Regierungsrat Paul Manz, wusste Auer einiges zu berichten. Man habe über sie beide gesagt, sie hätten am gleichen Strick gezogen und erst noch in der gleichen Richtung. Nach dem Abstimmungserfolg seien sie beide Hand in Hand durchs Stedtli spaziert mit einem Grättimann.
Am Schluss der Talkshow gab Auer den Zuhörerinnen und Zuhörern mit auf den Weg, er werde nie eine Autobiographie schreiben, denn er habe viele Autobiographien gelesen. «Leider auch von solchen Leuten, die ich gekannt habe.» Es sei sehr schwer, über sich selber zu schreiben, meinte Auer. «Es wird selten so viel gelogen wie in Autobiographien.»


Volksstimme Nr. 16 / 1999