Nachtcafé vom 03.09.2009   Liste aller Gäste       

Moritz Leuenberger
Bundesrat 

Moritz Leuenberger Bundesrat Moritz Leuenberger im «Volksstimme»-Nachtcafé: Von Louis XIV. und Couchepin
Er kam, sah und hatte die Lacher auf seiner Seite. Bundesrat Moritz Leuenberger unterhielt am vergangenen Donnerstagabend das zahlreich erschienene Publikum in der Sissacher Oberen Fabrik bestens mit grosser Politik, Persönlichem und ironischem Humor.

bas. Ein ungewohntes Bild zeigte sich am vergangenen Donnerstagabend vor der Oberen Fabrik in Sissach: Die Einfahrt war mit rot-weissem Plastikband abgesperrt, vor dem Gebäude standen Polizeiautos und mehrere Polizisten in Uniform. Und ein schwarz glänzender, gepanzerter Mercedes mit Berner Kennzeichen. Nicht zuletzt dem Charme der Sissacher Nationalrätin Maya Graf sei es zu verdanken, dass der derzeit amtsälteste Bundesrat den Weg nach Sissach gefunden hatte und dem «Volksstimme»-Nachtcafé zu einer Premiere verhalf: Das erste Mal war mit Moritz Leuenberger ein amtierender Bundesrat zu Gast.

Auffällig unauffällig
Leuenberger zog viel Publikum an. Gut 120 Gäste, darunter zahlreiche Politiker aus Gemeinde-, Land-, Regierungs- und Nationalrat, füllten die Obere Fabrik. Ebenfalls zugegen waren mehrere auffällig unauffällige und bei der abendlichen Sommerhitze viel zu warm gekleidete Personenschützer in Zivil, die sich an den neuralgischen Punkten der Bar Etage postierten. Doch die Sicherheitsleute blieben arbeitslos. Niemand wollte dem Bundesrat Böses, vielmehr wurde er bereits mit grossem Applaus empfangen und hatte sofort die Sympathien auf seiner Seite – und das nicht nur, weil Leuenberger, wie sich herausstellte, familiäre Beziehungen zu Sissach hat: Sein Grossvater war Sissacher Bahnhofvorstand, «zu einer Zeit, als die Züge noch hielten», wie der Bundesrat ohne mit den Mundwinkeln zu zucken anmerkte. Leuenberger, dem immer wieder Humorlosigkeit nachgesagt wird, bestach durch erfrischende Ironie und einen feinen Humor mit kleineren oder grösseren Stacheln. Auf die Frage von «Volksstimme»-Verlagsleiter und Talkmaster Robert Bösiger, was für ein Mensch ein Politiker sein müsse, antwortete er: «Ein guter Mensch, der Liebe will», um erst nachträglich die richtige Antwort zu liefern: «etwas bewegen wollen, sich gerne in der Öffentlichkeit zeigen, Verführungskünste besitzen». Macht heisse auch Verantwortung, so Leuenberger: «Bei Macht denkt man immer zuerst an Louis XIV. oder an Couchepin. In einer Demokratie wird die Macht jedoch systematisch gebrochen.»

Eidgenössischer Kompromiss
Beim «Volksstimme»-Nachtcafé kamen auch durchaus brisante Themen der  grossen Politik zur Sprache wie Lügen, Korruption und Kollegialität. Früher habe die Meinung des Kollegiums einen viel grösseren Stellenwert gehabt, sagte Leuenberger und fügte hinzu, dass es «ohne Kompromisse keine Gemeinschaft» gebe. Apropos Ironie: In seinem Elternhaus sei die Ironie sehr gepflegt worden, sagte er – und legte Wert darauf, dass er nicht ein Pfarrersohn sei, wie ihm oft nachgesagt werde: Sein Vater sei Theologe an der Universität gewesen und nicht Gemeindepfarrer wie der Vater eines ehemaligen Bundesratskollegen (dessen Name kein einziges Mal fiel an diesem Abend). Humor gehöre zum Leben, hielt Leuenberger fest. Ob er denn auch mal als Talkgast in die Fernsehsendung von Viktor Giacobbo und Mike Müller gehen werde, wollte Bösiger wissen. Leuenberger bejahte, «aber ich würde dort völlig humorlos sein – das wäre dann das Lustige».

Amtsältester Verkehrsminister
«Ich finde, die Schweiz soll der EU beitreten», machte Bundesrat Leuenberger seine Meinung klar. Der «mit Abstand amtsälteste Verkehrsminister der ganzen Welt», der er sei, postulierte, dass man «diesen Kontinent nur mitgestalten kann, wenn man dabei ist». Dem interessierten Publikum erklärte Leuenberger, dass er manchmal eine Politik vertreten müsse, «die ich im Innersten nicht tolerieren und nachvollziehen kann» – und sprach damit die Bonikultur der Banken an: «Wir sind gewissermassen Geiseln eines Systems geworden.» Der Anwalt und ehemalige Zürcher Regierungsrat ist nicht nur Bundesrat, sondern auch Blog-Autor. Die Texte, die im Internet erscheinen, schreibe er selber, hielt er fest, lasse sich allerdings «ein bisschen von meinen Leuten zensurieren». Letzte Frage des Talkmasters: «Wann treten Sie zurück, Herr Bundesrat? » Antwort: «Ich glaube nicht, dass ich je zurücktrete.» Wieder schallendes Gelächter im Saal – das x-te Mal an einem ausgesprochen lustigen Abend. Nach einer Runde mit Fragen aus dem Publikum signierte Bundesrat Leuenberger etwa zwei Dutzend von der Papeterie Pfaff verkaufte Bücher und ging dann «ein Haus weiter» – immer noch begleitet von mehreren auffällig unauffälligen Herren in Anzug und mit Telefonkabel hinterm Ohr.

Volksstimme Nr. 102 / 2009