Augenschein vom 12.07.2002   Liste aller Augenscheine       

Im Joggeli fehlt nichts – ausser einem Badmeister

Im Joggeli fehlt nichts – ausser einem Badmeister Die Masse fehlt, aber trotzdem ist der St.Jakob-Park mehr als eindrücklich. 35 Leserinnen und Leser überzeugten sich davon während des zweiten «Volksstimme»-Augenscheins.
Der zweite Augenschein der «Volksstimme» führte 35 Leser innen und Leser in den St.Jakob-Park. Sie erfuhren, warum der neue FCB-Stürmer Julio-Hernan Rossi wohl häufiger auf der Ersatzbank sitzen wird und warum im FCB-Whirlpool nur acht Personen Platz finden.

los. Noch drei Minuten bis zum Anpfiff. Nervöses Ge schar re, Blicke (böse und neugierige) zum Gegner. Wie durch Watte dringt das Geschrei und Gekreische der Muttenzerkurve nach innen. Endlich – die Türe geht auf und die beiden Mannschaften joggen durch die Werbe-Senftube Richtung Rasen. Wo der Tagtraum jäh endet. «Rasen gesperrt», steht nüchtern auf einem kleinen Schild. Das erhabene Gefühl bleibt. 35 Teilnehmer des «Volksstimme»-Augenscheins sind gerade durch den Spielerausgang in das Stadion gelangt. Offene Münder sind zu sehen und staunende Laute zu hören. Der Anblick des menschenleeren Stadions ist eindrücklich.
Dass der Rasen nicht betreten werden darf hat seinen Grund: Am Wochenende bestreitet der FC Basel gegen Xamax Neuenburg sein erstes Heimspiel der neuen Saison und dann muss jedes Hälmchen ausgerichtet sein. Der FCB hat sich seine Spielfläche einiges kosten lassen. «Der Rasen mit all seiner Technik wie Heizung, Lüftung und Bewässerung hat rund zwei Millionen Franken gekostet», weiss Führerin Caroline Schwalm.
Seit Eröffnung des St. Jakob- Parks im März vergangenen Jahres musste der Rasen bereits einmal ersetzt werden. 200000 Franken kostete es, als der Rasen en bloc in Tiefkühlwagen aus Deutschland herangekarrt wur de. Erst aus der Nähe wird die Höhendifferenz von der Seitenlinie bis zum Mittelpunkt erkennbar. Rund 25 Zentimeter liegt der Anspielpunkt höher als der Rasenrand. «Dank diesem Unterschied fliesst das Wasser nicht zur Mitte, sondern gegen den Rand», so Schwalm.
Immer noch fasziniert vom engen Rund mit seinen 33433 Plätzen freuen sich die Augenschein-Teilnehmer ob einer Sitzgelegenheit, die Fussballer na turgemäss verschmähen: Die Ersatzbank. Bank ist aber mass los untertrieben: Unter einem schützenden Plexiglas-Dach sind ergonomisch geformte Autosit ze montiert: «Jetzt verstehe ich, warum gewisse Spieler lieber auf der Ersatzbank sitzen, als zu spielen», scherzt ein Teilnehmer. Die Ersatzbank gibt auch Aufschluss über die Aufstellung des FC Basel in der kommenden Saison. Auf einem Sitz ist der Name des neuen Stürmers Julio-Hernan Rossi verewigt. Weise Voraussicht?

Ein mickriger Spielereingang
Der Blick von der Ersatzbank in das Stadion entschädigt für geplatzte Illusionen beim Spielereingang. Wo ein riesiges blaurotes Portal, mit Lichtgirlanden und goldenen Türgriffen erwartet wurde, stand nur eine simple, weisse Türe. «Das soll der Spielereingang sein?», frag te einer der Teilnehmer ungläubig. Tatsächlich, und es hat sogar zwei davon. Noch karger sieht es in der Gästegarderobe aus. An der Decke hängen Belüftungsrohre in allen Grössen, und die Holzbank, auf der die gegnerischen Mannschaften die letzten Anweisungen erhalten, wie der FCB zu schlagen sei, sind auch nicht wirklich profimässig.
Die Kargheit hat Konzept: «Wir wollen nicht, dass es die gegnerischen Mannschaften zu gemütlich haben», gibt Führerin Schwalm zu. Doch sei die Gästegarderobe des FCB geradezu wohnlich im Gegensatz zu Pendants in Italien oder Spanien: «In den dortigen Stadien sind die Gästekabinen in einem hundsmiserablen Zustand. Ausserdem ist das Licht diffus – um die Gegner schon von Beginn weg fertig zu machen.»
Glaubt man Schwalm, sieht die Garderobe des FCB wie das pure Gegenteil aus. Jeder Spieler hat seinen Schrank, die Physiotherapie hat einen Raum, eine Musikanlage ist installiert und natürlich ist der berühmte Whirl pool integriert, wo FCB-Vorstandsmitglied Gigi Oeri nach dem Gewinn des Meistertitels gemeinsam mit den Spielern ein Bad nahm. Leider können sich die Teilnehmer des Augenscheins nicht selber von der beschriebenen Pracht überzeugen. Die Garderobe des Meisters ist während Führungen tabu: «Es könnte ja gerade ein Spieler aus der Sauna kommen», erklärt Schwalm.
Als Entschädigung weiss sie eine nette Anekdote zu besagtem Whirlpool. Man habe beim Stadionbau einen Pool mit zwölf Plätzen geplant, aber kurz vor Baubeginn bemerkt, dass ein Schwimmbad mit mehr als acht Plätzen einen Badmeister brauche: «Darum können jetzt nur acht Fussballer gemeinsam ins Wasser.»

Gesamtkosten von 250 Millionen Franken
Der St.Jakob-Park wurde von den Basler Architekten Herzog und DeMeuron entworfen und besteht aus den drei Elementen Shopping-Center, Alterswohnungen und dem Stadion. Im Einkaufscenter sind 33 Läden, die sich insgesamt 16500 Quadratmeter Verkaufsfläche teilen. Das drei Stockwerke hohe Center hatte auch direkten Einfluss auf den Grundriss des Stadions.
So ist der Spielereingang nicht wie normal bei der Haupttribüne, sondern seitlich davon, bei der Muttenzerkurve. Der Grund ist einfach: Gleich unter der Haupttribüne befindet sich das Shopping-Center, was im Cen ter selber an der schrägen Decke zu erkennen ist.
Der zweite Teil des St. Jakob-Parks ist das Tertianum, die Altersresidenzen ober- halb des Einkaufscenters. Insgesamt sind 106 Wohnungen vorhanden, die zu 60 Prozent ausgelastet sind. Wer ob dem Joggeli wohnen möchte, muss einiges auf der hohen Kante haben.
Die Mietzinse bewegen sich zwischen 3400 und 6800 Franken. Dafür kommen die Seniorinnen und Senioren in ihrem Aufenthaltsraum in den Genuss eines einmaligen Blickes auf das Stadion. Saison-Abonnement überflüssig.

10000 Franken für einen Sitz
Wer vor seiner Rente in den Genuss eines solchen Ausblicks kommen möchte, hat zwar die Möglichkeit, muss aber wie die Senioren gut betucht sein. Es sind denn auch vornehmlich Firmen, die sich in den VIP-Logen eingemietet haben. «Swiss» hat eine, die UBS hat eine, Radio Basilisk hat eine halbe, Bank Sarasin hat eine und auch die «Basler Zeitung» hat eine.
Im Rahmen der Führung durften die Teilnehmer für kurze Zeit selber das Gefühl einer VIP-Loge erleben. Während eines Spiels wird Essen und Trinken à discretion gereicht, die Fensterfront erlaubt einen Blick aufs Spielfeld wie aus dem Helikopter und die Wiederholung wird auf dem Monitor studiert.
Dass dieses Vorrecht nicht ganz billig ist, versteht sich von selbst. Ein Platz in der VIP-Loge kostet im Jahr 10000 Franken. Die durchschnittliche Grösse einer Lounge sind 20 Plätze, was auf ein Jahresentgeld von 200000 Franken zu stehen kommt.
Und wenn eine Firma einmal eingemietet ist, bindet sie sich für die nächsten drei Jahre. Ein lukratives Geschäft für die Stadionbetreiber.

(Bild Rolf Wirz)

Volksstimme Nr. 84 / 2002